«Gold ist nicht zu teuer»
Marcus grubb Der Investmentstratege des World Gold Council über Goldangebot und -nachfrage sowie Anlagemöglichkeiten in Gold
Herr Grubb, der Goldpreis ist bis Anfang September auf das Rekordniveau von 1900 $ pro Unze gestiegen. Welche Gründe haben zu diesem Anstieg geführt?
Kurzfristig, in den vergangenen zwei, drei Monaten, gibt es zwei Gründe: In Europa hatten wir die Rückkehr der Staatsschuldenprobleme. Das Resultat war eine höhere Nachfrage nach Goldbarren und -münzen. Die Leute kauften Gold als eine Absicherung gegen Risiken für den Fall, dass sich die Eurozonenkrise verstärken sollte. Der zweite Kurzfristtreiber waren die Probleme in den USA mit der Erhöhung der Schuldenoberlimite im Juli. Dazu kam noch die Herabstufung der Bundesschuld durch die Ratingagentur Standard & Poor’s von AAA auf AA+. Das war das erste Mal in der Geschichte, dass die US-Bundesschuld herabgestuft wurde. Das hat ebenfalls zu einer hohen Nachfrage nach physischem Gold und speziell nach ETF geführt.
Gibt es noch weitere Gründe
für den Goldpreisanstieg?
Im Hintergrund wirken seit Beginn des Jahres noch drei weitere Dinge: Erstens war die Nachfrage von Zentralbanken sehr kräftig. Sie waren bis vor zwei Jahren Nettoverkäufer von Gold. In einem Markt, der nur rund 4000 Tonnen pro Jahr umfasst, verkauften sie jährlich etwa 450 Tonnen. Entgegen den Erwartungen wechselten sie dieses Jahr ihr Verhalten und kauften bis Ende Juni beinahe 200 Tonnen Gold. Das ist ein Umschwung von 650 Tonnen vom Angebot zur Nachfrage.
Weshalb sind die Zentralbanken Goldkäufer geworden?
Die Zentralbanken in Europa waren gewöhnlich Verkäufer von Gold. Jetzt verkaufen sie keines mehr, sie behalten es. In vielen europäischen Ländern stellt Gold 40 bis 70% der Währungsreserven dar, etwa in den Niederlanden oder in Italien. Sie haben aufgrund der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise aufgehört, Gold zu verkaufen. Zudem kaufen Notenbanken von Ländern mit gut laufenden Volkswirtschaften und Handelsbilanzüberschüssen Gold. So haben wir Käufe gesehen von Mexiko, Südkorea, Thailand, Russland sowie früher schon von Indien und Sri Lanka. Es sind vor allem Zentralbanken von Ländern in Asien, die Gold kaufen. Die Zentralbanken der Überschussländer kaufen Gold, weil ihre Volkswirtschaften immer noch wachsen. Sie weisen kräftig steigende Exporte aus, was ihnen Einnahmen in fremden Währungen beschert. Dadurch nimmt der Anteil Gold an ihren Währungsreserven ab. Jetzt kaufen sie das Edelmetall, um den Zielanteil an Gold halten zu können.
Sie haben drei tiefer liegende Gründe für die kräftigen Avancen des Goldpreises erwähnt. Einer war die Nachfrage der Zentralbanken. Was sind die anderen zwei?
Die anderen zwei sind Indien und China. Die Nachfrage dieser beiden Länder nach Gold ist schlicht phänomenal. Wir hatten Rekordzahlen im vergangenen Jahr. Und allein schon in der ersten Hälfte 2011 war die Nachfrage aus China und Indien signifikant höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das ist überraschend. Denn normalerweise arbeitete der Goldmarkt so, dass, wenn der Preis rasch stieg, die Nachfrage abnahm, speziell im Juweliergeschäft. Es gab eine negative Preiselastizität. Aber jetzt kaufen Indien und China trotz steigender Preise mehr statt weniger Tonnen. Ihre Nachfrage für das Juweliergeschäft und für Investmentzwecke macht zurzeit 52% des gesamten globalen Goldbedarfs aus.
Nicht so bekannt ist, dass Gold auch eine industrielle Verwendung hat.
Das berücksichtigt der Markt noch zu wenig. Rund 14% der jährlichen Nachfrage nach Gold sind für den industriellen und technologischen Gebrauch bestimmt. Das klingt nicht nach viel, aber es ist mehr als der ganze jährliche Platinmarkt sowohl in Dollar als auch in Unzen und Tonnen. Vor zehn, fünfzehn Jahren wurde Gold noch weitgehend in der Zahnmedizin gebraucht. Nun ist das Gros der Nachfrage für den Einsatz in Halbleitern für Mobiltelefone und Computer bestimmt. Gold ist heute Hochtechnologie. Neuerdings wird es auch in Autokatalysatoren gebraucht. Und es kommen neue Anwendungen in der Humanmedizin und in der Nanotechnologie dazu.
Die Goldnachfrage wird, Sie haben es gesagt, auch künftig wachsen. Wie sieht es mit dem Angebot aus?
Die Produktion aus Goldminen hat erst 2010 wieder das gleiche Niveau erreicht wie vor zehn Jahren. Wir hatten zu wenig Exploration und zu wenig Produktion in dieser Zeit. Das hat zu einem beschränkten Angebot geführt. Dieses ist sehr unelastisch – trotz des hohen Preises, obwohl jedermann versucht, Gold zu finden, und obwohl alte Abfälle von Goldminen heute nochmals raffiniert werden. Die Goldproduktion steigt zurzeit nur 3 bis 5% pro Jahr. In einem Gesamtmarkt von 4000 Tonnen kommen gegenwärtig aus der Minenproduktion lediglich 2700 Tonnen. Um das Angebot mit der Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen, braucht es deshalb das Recycling. Dieses macht aktuell 40% des Angebots aus. Aber obwohl man erwarten könnte, mit den hohen Preisen würde jedermann sein Gold zum Recycling geben, hat sich dieses im vergangenen Jahr 3% verringert. Sie können sich vorstellen, dass ich unter diesen Umständen sehr positiv bin, was die weiteren Aussichten für Gold anbelangt.
Wird der Goldpreis also weiter steigen?
Der Goldmarkt wird extrem eng bleiben. Gold ist ein Metall, das im Defizit ist, nicht im Überfluss. Der einzige Weg, wie man Nachfrage und Angebot wieder ins Gleichgewicht bringen kann, ist ein höherer Preis. Denn es ist schwierig zu sehen, wo neues Angebot herkommen soll. Trotz zurzeit hohen Explorationsausgaben sind neue Funde von Gold selten. Und die Minen, die in den nächsten zehn Jahren in Produktion gehen, finden nicht genug grosse Goldadern. Zudem geht der Golderzgehalt dramatisch zurück.
Nun ist der Goldpreis in den letzten Tagen aber zurück auf 1600 $ pro Unze gefallen. Was sind die Gründe dafür?
Beträchtliche Stressfaktoren auf dem Markt, wie etwa die Schuldenkrise in der Eurozone und wirtschaftliche Unsicherheiten verursacht durch sinkende wirtschaftliche Messgrössen in mehreren westlichen Volkswirtschaften in den vergangenen Monaten, verleiten die Investoren zu einer Einpreisung des Rezessionsrisikos und sogar einer potenziellen Deflation. Investoren sind besorgt, dass sich die politische Trägheit und der ungeregelte Staatsbankrott aufgrund der Schulden in der Eurozone auf die Anlagenmärkte der grösseren Länder ausbreiten könnten und im Westen eine Rezession oder noch schlimmere Szenarien einleiten könnten. Unter solchen Umständen tendieren Investoren dazu, viele Anlageklassen zu verkaufen, die Bargeldgewichtung zu erhöhen und in kurzfristige liquide Anlagen in Dollar zu investieren.
Gibt es weitere Gründe
für den jüngsten Kurssturz?
Rohstoffindexfonds liquidieren Positionen aus Angst vor einer Rezession, die die Nachfrage beeinträchtigen könnte, weil Investoren Kapital zurückziehen. Das hat zu einem Goldverkauf geführt, da die Gewichtung von Gold 3 bis 6% der grössten Rohstoffindizes ausmacht, auf denen diese Investitionsprodukte basieren. Es gibt Anzeichen dafür, dass Investoren und Hedge Funds Goldbestände liquidieren, da sie in diesem Jahr zu den wenigen Anlageklassen im positiven Bereich gehören. Investoren können Gold verkaufen, um den Bargeldbestand zu erhöhen und die Schäden im restlichen Portfolio zu beheben.
Der Kursrückgang der vergangenen
Tage war ziemlich erheblich.
Mit einem Preis von 1600 $ besteht immer noch eine Wertzunahme von 15% seit Jahresbeginn. Mit dieser Reduktion des Goldpreises war Freitag, 23. September, lediglich der 65. Tag seit 1970, an dem sich der Goldpreis um mehr als 4% innerhalb eines Tages abwärts bewegte – historisch gesehen eine 3%ige Wahrscheinlichkeit. Somit beträgt die Goldkorrektur, die vierte dieses Jahr, mit –17% vom Höchst- zum Tiefststand immer noch weniger als die Korrektur im dritten und vierten Quartal 2008 während der Lehman-Brothers-Pleite vom 15. September.
Dann soll man den Rückschlag nutzen und jetzt Gold kaufen?
Um diese Frage zu beantworten, muss man überlegen, ob Gold mit rund 1600 $ pro Unze immer noch zu teuer ist und ob es sich in einer Blase befindet. Ich würde sagen, beides trifft nicht zu. Zum einen, weil wir – wie erörtert – eine hohe Goldnachfrage haben: der Umschwung vom Angebot zur Nachfrage der Zentralbanken, der enorme Bedarf Indiens und Chinas, die Schuldenprobleme in den westlichen Ländern. Zum andern, weil das Goldangebot nur langsam wächst. Nein, Gold ist auf diesem Preisniveau nicht zu teuer. Es gibt noch einen anderen Weg, die Frage zu beantworten: Seit dem Ende des Goldstandards gab es einen zehnjährigen Bullenmarkt von 1971 bis 1981. Dann kam ein zwanzigjähriger Bärenmarkt, wobei der Goldpreis bis auf 248 $ pro Unze sank, als der damalige britische Finanzminister Gordon Brown den Grossteil des englischen Goldes verkaufte. Dann kam wieder ein zehnjähriger Bullenmarkt von 2001 bis 2011. Darin ist der Goldpreis aber bei weitem nicht so kräftig gestiegen wie in demjenigen von 1971 bis 1981. Der gegenwärtige Bullenmarkt schaut deshalb überhaupt nicht wie eine Blase aus.
Eine Person, die Gold kaufen will, kann es auf verschiedene Arten tun: Sie kann physisches Gold kaufen, sie kann Exchange Traded Funds, sogenannte ETF, erwerben, oder sie kann in Aktien von Goldminenunternehmen einsteigen. Was würden Sie tun?
Entscheidend ist die Risikobereitschaft des Anlegers. Welches Risiko will er nehmen, und welchen Ertrag erwartet er? Manche Investoren wollen das Gold zu Hause haben, aus Vorsicht, weil es so kein Gegenparteirisiko gibt. Für diese Anleger sind Goldbarren und -münzen der beste Weg. Für diese Produkte muss man aber eine Prämie zahlen, weil sie nur Detailhandelsgrösse haben. Die Kosten für das Handeln von Barren und Münzen sind zudem höher als bei liquideren Produkten, die man nicht mit nach Hause nimmt.
Was ist der Vorteil von ETF?
Der Vorteil von ETF ist, dass die Kosten bedeutend tiefer sind. Der Anleger sollte aber immer den Prospekt des Verkäufers anschauen, um sicherzustellen, dass er einen mit physischem Gold unterlegten ETF kauft. Es gibt nämlich auch synthetische Produkte. Ein weiterer, von Ihnen nicht erwähnter Weg, Gold zu erwerben, sind für auch technisch versierte Anleger Internet-Plattformen. Es gibt eine Anzahl von Investmentsites, über die man physisches Gold kaufen und verkaufen kann. Zu erwähnen sind die Websites Bullionvault.com und Goldmoney.com. Beides sind ziemlich grosse Plattformen. Bullionvault etwa hält 1 Mrd. Pfund in Gold und weist 30000 Kontohalter rund um die Welt auf. Der World Gold Council ist ein Anteilhaber an Bullionvault.
Was ist mit Minenaktien?
Minenaktien kann man direkt oder indirekt über einen aktiv verwalteten Fonds kaufen. Es ist immer weniger riskant, über einen aktiv gemanagten Fonds zu investieren, als Einzeltitel zu kaufen. Es ist aber etwas anderes, physisches Gold zu kaufen, als in ein Goldminenunternehmen zu investieren. Mit Minengesellschaften kauft der Anleger Goldreserven, die noch unter der Erde liegen. Hier gibt es all die anderen Risiken zu beachten, die mit Aktien verbunden sind. Aber er erhält mittelfristig auch eine bessere Performance. Ein Anleger sollte diversifiziert sein über alle Assetklassen. Gold ist dabei ein Grundelement in einem Anlageportfolio. Der Investor sollte immer einen Teil physisches Gold halten und einen Teil Minenaktien. Diese hatten für einige Zeit keine sehr gute Performance. Manche Marktbeobachter sagen, Minenvaloren würden physisches Gold in Bezug auf die Performance künftig ausstechen. Gegenwärtig scheinen sie aus historischer Sicht ein sehr attraktives Investment zu sein.